Die Isetta gilt vielen als urdeutsches Wirtschaftswunder-Auto. Tatsächlich stammt die Idee aus Italien: Entwickelt wurde der Kleinstwagen von der Firma Iso in Bresso bei Mailand, lange bevor BMW eine Lizenz erwarb. Die Geschichte der Iso Isetta ist die eines mutigen Konstruktionswurfs – und eines Unternehmers, der lieber Lizenzen verkaufte, als selbst in Serie zu gehen.
Vom Kühlschrank zum Kleinstwagen
Hinter Iso stand der Ingenieur und Unternehmer Renzo Rivolta. 1939 gründete er die Firma Isothermos, einen Hersteller von Kühl- und Heizgeräten; nach einem Bombenangriff auf Genua verlegte er den Betrieb 1942 nach Bresso. Nach dem Krieg sattelte Rivolta auf Zweiräder um. Aus Isothermos wurde Iso Autoveicoli, das um 1950 nach Vespa und Lambretta zum drittgrößten italienischen Zweiradhersteller aufstieg.
Rivolta wollte mehr. 1951 beauftragte er die beiden Luftfahrtingenieure Ermenegildo Preti und Pierluigi Raggi mit dem Entwurf eines außergewöhnlich kleinen Automobils, angetrieben von einem der hauseigenen Motorradmotoren. Der aeronautische Hintergrund der Konstrukteure ist dem Ergebnis anzusehen: Leichtbau und konsequente Raumausnutzung prägten den kleinen Wagen, der 1953 als „Isetta" – das „kleine Iso" – auf dem Turiner Salon vorgestellt wurde.
Konstruktion und Technik
Die Iso Isetta war ein Kuriosum auf vier Rädern. Der eiförmige Aufbau maximierte Innenraum und Glasflächen, der Einstieg erfolgte durch eine einzige, nach vorn aufschwingende Tür, mit der die Lenksäule zur Seite klappte – ein Konzept, das später auch die BMW Isetta übernahm. Hinten saßen zwei eng beieinanderstehende Räder mit nur rund 48 Zentimetern Spurweite. Diese schmale Hinterachse machte ein Differenzial überflüssig: Bei so geringem Abstand fallen die Drehzahlunterschiede der Räder in der Kurve kaum ins Gewicht. Die ersten Prototypen hatten sogar nur ein einzelnes Hinterrad, kippten aber zu leicht – die Zwillingslösung war der pragmatische Kompromiss.
Für den Antrieb sorgte ein luftgekühlter Zweizylinder-Zweitaktmotor mit 236 cm³ Hubraum und rund 9,5 PS (etwa 7 kW). Damit erreichte die nur knapp 2,3 Meter lange Isetta etwa 75 km/h. Ein Zweitaktmotor verbrennt Kraftstoff-Öl-Gemisch in jedem zweiten Takt statt jedem vierten und ist dadurch einfach und leicht, aber durstig und abgasfreudig – für einen sparsamen Stadtfloh der frühen 1950er jedoch genau das richtige Maß an Technik.

Mille Miglia und die Lizenzstrategie
Dass die Isetta mehr war als ein Kuriosum, bewies Rivolta auf spektakuläre Weise: 1954 schickte Iso gleich mehrere Isettas zur legendären Mille Miglia. In der Verbrauchs- beziehungsweise Wirtschaftlichkeitswertung belegten sie die Spitzenplätze und hielten über die rund 1.600 Kilometer einen Schnitt von über 70 km/h. Ein wirkungsvollerer Werbefeldzug für ein Sparmobil war kaum denkbar.
Kommerziell blieb die italienische Isetta dennoch ein bescheidener Erfolg. Die Angaben zur Stückzahl schwanken je nach Quelle zwischen rund eintausend und einigen tausend Exemplaren; die italienische Eigenfertigung lief bereits 1955 aus. Der Grund lag nicht an mangelnder Qualität des Entwurfs, sondern an Rivoltas Strategie. Er hatte größere Pläne und setzte konsequent auf das Lizenzgeschäft, statt Kapital in die eigene Serienfertigung zu binden.
Das Lizenzgeschäft: BMW, VELAM und Romi
Der wichtigste Partner wurde BMW. Die Münchener kauften ab 1954 nicht nur die Lizenz, sondern gleich die komplette Karosserie-Werkzeugausstattung – und machten aus dem italienischen Entwurf mit eigenem Viertaktmotor den meistgebauten Isetta-Ableger. In Frankreich erwarb VELAM eine Lizenz und fertigte ab 1955 eine eigene Karosserie auf Basis des Iso-Motors, da die Presswerkzeuge ja nach München gegangen waren. In Brasilien wiederum baute der Maschinenbauer Romi die Isetta in Lizenz: Der Romi-Isetta gilt als das erste in Brasilien produzierte Automobil und lief ab September 1956 vom Band, rund 3.000 Stück bis 1961. Hinzu kam eine Fertigung in Spanien.
So wurde die kleine Iso paradoxerweise zum Welterfolg, ohne dass die Erfinderfirma davon die größten Stückzahlen hatte. Rivolta hatte erreicht, was er wollte: Andere trugen das Produktions- und Absatzrisiko, während sein Name auf jedem Lizenzbau weiterlebte.
Was von Iso blieb
Renzo Rivolta nutzte die Isetta als Sprungbrett. In den 1960ern wandelte sich Iso vom Kleinstwagen- zum Sportwagenhersteller: Mit dem Iso Rivolta IR 300 und dem Iso Grifo entstanden elegante Gran Turismo mit kräftigen amerikanischen V8-Motoren – das genaue Gegenteil der genügsamen Isetta. Nach Rivoltas frühem Tod 1966 führte sein Sohn Piero das Unternehmen weiter, bis Iso 1974 schließen musste.
Die Iso Isetta selbst ist heute ein gesuchter Klassiker und ein wichtiges Stück Technikgeschichte. Sie war der eigentliche Ursprung der Knutschkugel, der Beweis, dass ein Auto auf Motorrad-Basis Familien mobil machen konnte – und die Vorlage, ohne die es die berühmte BMW Isetta nie gegeben hätte. Wer das Original kennt, sieht die deutsche Variante mit anderen Augen.
Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1953_ISO_Isetta_236cc_10hp_70kmh_photo1.JPG - Urheber: Alf van Beem - Lizenz: Public Domain
